AUF DEM GIPFEL DES JAGDGLÜCKS

Dies ist meine Geschichte, sie handelt von einer Jagdreise in die Alpenregion des Aoraki, zum Mount Cook in Neuseeland.

Anfang Juni, zur besten Jagdzeit im Winter der südlichen Hemisphäre, brach ich mit meinem Kameraden Tarek und einem befreundeten, sehr erfahrenem neuseeländischen Jäger zu den schneebedeckten Hängen der Südlichen Alpen auf.

Mit großer Sorgfalt packten wir unseren Rucksack. Professionelle Hilfe leistete uns dabei unser Guide Brent. Wir beide, noch grün hinter den Ohren und voller jugendlichem Leichtsinn hätten wohl kaum an die unerlässliche Sicherheitsausrüstung gedacht. Neben den üblichen Funkgeräten gehörten dazu auch das Satellitentelefon sowie ein Erste- Hilfe-Set. Auf uns alleine gestellt, hätten wir uns wohl mit manchem Überflüssigem beschwert und dafür Wesentliches vergessen.

Bei einsetzender Dämmerung erreichten wir die Südlichen Alpen. Der Pfad zum ersten Zwischenziel, einem Plateau, war Brent bekannt, so fanden wir im Schein unserer Taschenlampe sicher den Weg zum Basislager. Nachdem wir auf diese Weise erste Erfahrungen beim nächtlichen Bergsteigen gesammelt hatten, schlugen wir unser Zelt im Schutz von Manuka-Sträuchern auf. Ungewiss, was der nächste Tag bringen würde, schlossen wir die Augen.

Ein spektakulärer Sonnenaufgang weckte uns gegen 8.00 Uhr morgens. Ich streckte als erster den Kopf aus dem Zelt, neugierig, welche Aussicht der Tagesbeginn für Tarek und mich bereithalten würdet. Vor uns lag eine unwirkliche Landschaft im ersten Glanz, die Hänge tief verschneit, gut einen halben Meter hoch türmte sich der Schnee.  Steile Klippen, gähnende Abgründe und schroffer Fels umgaben die Camper. Inspiriert und tief beeindruckt machten wir uns fertig für den Tagestrip.

Mit dabei hatten wir eine Büchse im Kaliber .300 Winchester Short Magnum, montiert war ein Schalldämpfer und Zweibein.

Die erste Hürde ließ nicht lange auf sich warten: Ein Bach stoppte unsere Wanderung. Etwa zwei Meter breit und gut einen halben Meter tief rauschte das eisige Wasser durchs Tal. Wir mussten ans gegenüberliegende Ufer, nur wie? Brent ging voraus, wir stapften guten Mutes hinterdrein. Leider liefen unsere Stiefel bei der Querung voll Eiswasser, ein ziemliches Malheur bei den herrschenden, sehr niedrigen Lufttemperaturen.

Der Aufstieg in Richtung des ersten Tagesziels war mühselig und Kräfte raubend.  Uns wurde klar, dass der erste Tahr mit Sportsgeist und Schinderei verdient sein wollte. Gute 50 Meter bei strammen Marschtempo durch hüfthohen Schnee, dann eine Verschnaufpause. Das war der Rhythmus der ersten zwei Stunden. Immer wieder glasten wir beim Innehalten die Hänge nach den Ziegen ab, doch zunächst vergebens. In der bisher erreichten Berghöhe war es dem Tahr in seinem dichten Winterfell wohl noch zu warm.

Wir erklommen den ersten Kamm, es folgte bald der zweite und dritte. Alle paar hundert Meter wechselten wir den Frontmann, der als spurende Vorhut die härteste Arbeit zu leisten hatte. Da blieb unser Guide plötzlich stehen, hob das Fernglas und ließ es sogleich wieder sinken. Ein energischer Blick und das Wort „Tahr !“ trafen mich.

Der Tahr war in Anblick gekommen! Vor uns, gute 30 Meter entfernt entdeckten wir außerdem einen Felsblock, perfekt, um aufzulegen und einen Schuss anzutragen.

Mit dem Backpack auf dem Rücken, im geduckten Gang eilten wir so schnell wir nur konnten dem Tahr entgegen. Das Tier quittierte die menschliche Annäherung auf ziemlich befremdliche Weise: Statt mit Scheu und Misstrauen zu reagieren, wollte uns der Tahrbulle offenbar näher in Augenschein nehmen.

Er bewegte sich tatsächlich direkt auf mich zu! Aufgelegt auf den Stein lud ich die Waffe, entsicherte, und ließ nach einigen beruhigenden Atemzügen die Kugel fliegen.

Der Tahr zeichnete kaum, er drehte lediglich in eine andere Richtung. Doch ich wusste, dass der Schuss saß und ich perfekt abgekommen war.

Nachdem die erste Kugel raus war, repetierte ich sofort eine zweite Kugel ins Patronenlager, die ganze Zeit mit einem Auge den Tahr im Blick. Ich bemerkte den Ausschuss und den Schweiß, der austrat. Die zweite Kugel ließ ich nur vorsorglich fliegen, der Tahr ging zu Boden. Ich verblieb mit meinem Absehen auf den niedergegangenen Bullen und beobachtete ihn die folgenden Sekunden scharf. Keine Regung mehr.  Dafür begann ich meinerseits vor Erleichterung und Freude leise zu zittern. Ähnlich wie bei Erlegung meines ersten Bockes erfüllte mich großes Glück und Stolz.

In diesem Moment trat Tarek an mich heran, er hielt mich fest und drückte mir einen Kuss auf den Hinterkopf. „Waidmannsheil!“, wünschte er mit herzlicher Anteilnahme. Tarek hatte das Geschehen aus einer anderen Perspektive erlebt, er befand sich 30 Meter hinter mir. Doch seine Freude war genauso groß wie meine. Wer im Glückspiel der Wildnis die Chance erhält, das ersehnte Stück zu erlegen, hatte in unserer Kameradschaft keine Bedeutung. Was zählte war das Abenteuer, wir teilten das große Erlebnis der Jagd stets gerne und mit gleicher Begeisterung.

Als ich an das Stück herantrat, erklärte uns Brent, dass es sich bei der Erlegung um einen jagdlichen Ausnahmefall handelte: Wir lernten von Brent, wie das Alter des Bullen zu bestimmen war. Bei einer Hornlänge von 24 Zentimeter errechneten wir eine Lebenszeit von vier Jahren. Der noch junge Bulle war offenbar auf der verzweifelten Suche nach Weibchen gewesen und zog durch tiefer gelegenes Gelände.

An Ort und Stelle häuteten wir den Tahr und zerwirkten ihn in seine groben Bestandteile. Fell, Keulen, Rücken, Filet und Schultern wanderten in den Rucksack. Das Abendessen war gesichert. Während Tarek und ich noch beschäftigt waren, stieg Brent weiter auf und bezog Position, um die gegenüberliegenden Hänge abzuglasen.

Leichter fiel mir die Fortbewegung nun nicht, gute 35 Kilogramm musste mein Rucksack wohl auf die Waage bringen. Dementsprechend kürzer wurden die Abstände zu unseren Pausen. Zu Mittag rasteten wir zwei Stunden. Die Sonne schien warm vom Himmel, so konnten wir unsere nasse Kleidung trocknen, während wir uns mit Nüssen, Rosinen und Kraftnahrung für die zweite Tageshälfte stärkten.

Von nun an trug Tarek seine Waffe über der Schulter. Er ahnte wohl, dass nun auch bald für ihn spannend würde. Und so war es: Fünf Tahr hielten sich auf einem vor uns liegendem Kamm auf. Die Distanz schien kein Problem zu sein. Kritisch für einen Schuss war vielmehr der Höhenunterschied. Wir befanden uns auf etwa 800 Meter, unsere Beute auf über 2000 Meter. Unerreichbar.

Wir wollten schon weiterziehen, als sich ein Weibchen samt Kitz auf den Weg über die Hänge in unsere Richtung machte.

Ich hockte mich auf meinen Rucksack und behielt die beiden Tiere im Auge, während Brent und Tarek versuchten, die Ziegen abzupassen und in eine günstige Schussposition zu kommen.

Ich hielt stetig Funkkontakt zu meinen Begleitern und  informierte die beiden über Verhalten und Standort der Ziegen. Doch zu unserer Enttäuschung schienen Weibchen samt Kitz wohl doch dort oben verweilen zu wollen.

Inzwischen wurde es dunkler und spürbar kühler, die Sonne stand bereits tief. So beschlossen wir die Rückkehr zum Camp. Doch diesmal wählten wir eine andere Route. Auf dem Weg zurück eröffnete sich der Blick auf ein vorher nicht einsehbares Tal. Ein letztes Mal hockten wir uns in den Schnee und nahmen das Gelände genau in Augenschein.

Was uns in der einsetzenden Dämmerung zuerst ins Auge stach, war die Mähne einer Ziege. Ihr Besitzer,  ein kräftiger Bulle, zog wie wir ebenfalls talabwärts. Meinen Anweisungen folgend verkürzten Brent und Tarek die Distanz zum Tahr. Trotz der großen Entfernung von 400 Meter entschied sich Tarek, zu schießen. Leider verfehlte er den Tahr  dreimal.  Es lag nicht an den Zielsicherheit des Schützen, sondern an der Waffe. Wahrscheinlich hatte die Optik während unser strapaziösen Wanderung einen Schlag erlitten. Die Waffe schoss auf  100 Meter gute zehn Zentimeter nach rechts. Wir trösteten uns allerdings bald über die Fehlschüsse: Schließlich war es viel wichtiger, dass der Tahr nicht krank geschossen war, sondern Tarek ihn klar verfehlt hatte.

Unter dem schimmernden Sternenhimmel Neuseelands entfachten wir ein loderndes Lagerfeuer, die gegrillte Tahrkeule erwies sich als Festmahl und unser Gespräch über die gemeinsam erlebten Abenteuer hielt uns bis tief in die Nacht wach.

Waidmannsheil & Horrido – Jannick

http://www.halali-magazin.de/lebensart/539-2016-04-neuseeland