Dem Weißwedel auf der Spur

Ganze drei Monate verbringen der 23-jährige Jannick Böhnke und sein bester Freund Tarek im winterlichen Finnland. Zeit genug, um zu lernen der Kälte zu trotzen. Aber knapp bemessen, um sich einen hehren Jagdwunsch zu erfüllen.

Unsere Fahrt in den hohen Norden beginnt Anfang November in Hamburg. Als Rucksackreisende und Weltenbummler ohne dicken Geldbeutel ist die Wahl des Fortbewegungsmittels eingeschränkt. Wir entscheiden uns für einen günstigen Lada Niva, Baujahr 1995. Das Gefährt mit 61kW erwarb sich im Laufe unserer langen Reise den Spitznamen „Grüne Hölle“, was unser nicht immer ungetrübtes Verhältnis zu dem eigenwilligen Vehikel recht gut beschreibt.

Unser Ziel, gute 1500 Kilometer entfernt, ist die Region der südfinnischen Gemeinde Raseborg, wohin uns unsere finnischen Freunde Anttu, Thomas und Janne eingeladen haben. Dort befindet sich das idyllische Dorf Fiskars, das übrigens weit über die Gegend hinaus für seine hervorragenden Axt- und Messerschmieden bekannt ist.

Dem Lada geht der Saft aus

Das erste Etappenziel erreichen wir auf halber Höhe Schwedens, nachdem wir mit der bemerkenswerten Reisegeschwindigkeit von 80 km/h in der schaukelnden Kiste zuletzt die Øresundbrücke passiert haben. Unser Hotel ist das Auto, gegen die eisigen Temperaturen helfen Gott sei Dank die Schlafsäcke. Mit dem engen Raumangebot in der Fahrgastzelle müssen wir uns hingegen arrangieren. Wir schlafen im Sitzen.

Dass wir es zu unserem Endziel nicht ganz ohne Schwierigkeiten schaffen würden, schwante uns schon von Anfang an. Doch wann unser klappriges Auto wegen welchen Defektes schlapp machen würde, blieb lange ungewiss.

Schließlich war es die Batterie, die ihren Geist aufgab. Das Malheur ereignete sich bereits auf finnischen Boden, just als wir von der Stockholmer Fähre rollten. Die Landschaft lag unter einer 20-Zentimeter-dicken Schneedecke begraben. Dicke Flocken rieselten aus dem grauen Himmel. Tröstlich war am frostigen Empfang nur, dass immerhin die Batterie rasch getauscht werden konnte.

Kleine Fische im großen See

Das pechschwarze Wasser wirkt alles andere als vertrauenswürdig und letztendlich zog es uns immer weiter hinaus.

Mark erzählte uns von großen Hechten und spannenden Stunden die er an gleicher Stelle verbrachte. Das weckte nicht nur unsere Interesse sondern forderte uns förmlich heraus.

Nebst einer malerischen Landschaft die vom Kanu einen ganz anderen Blickwinkel offenbart träumten wir heimlich ein wenig vor uns her. Es zuppelt an der Route, die Angeln ausgeworfen versuchten wir es an vielversprechend aussehenden Ecken und Kanten des Ufers auf einen Hecht. Petriheil sieht anders aus. Nach unzähligen malen einholen des Blinkers zupften wir häufiger diverses Kraut aus dem Haken als das wir einen Fisch daran hatten.

Aus dem Hecht wurde letztlich nur ein Barsch. Noch ein kleiner dazu der mit Sicherheit noch immer seinen Bahnen ziehen wird.

Die Drückjagdböcke der Deutschen

Jedes Jahr aufs neue besuchen uns die Finnen im Heimischen Revier und schwärmen auf ihre eigene Art von unseren Jagdeinrichtungen.

Grund genug für uns ihnen etwas zurück zu zahlen. Marode, von Moos überzogen und teils nicht mehr Sicher präsentierten sich uns die Drückjagdböcke in Finnland eher schlecht als recht.

Nach ein paar Tagen Arbeit standen 15 neue und schiere Drückjagdböcke zur Verfügung. Die Gesichter von Tomas, Janne und Anttu sprachen dabei Bände.

Als Zimmermann ist Holz eine Liebe und Leidenschaft zugleich, mit den Einrichtungen haben wir uns selbst eine Aufgabe auferlegt die uns Spaß und anderen Freude zugleich bereitet. Eine kleine Skizze des Modells, Abmessungen und Längen der Bauteile und wenig später stoppte die Kappsäge lediglich während der Frühstückspause. Die Materialliste war schnell abgearbeitet und etliche 100 Meter Holz zersägt.

Ordnung ist das halbe leben pflegt mein Großvater zu sagen und weil dieser Spruch immer im Gedächtnis bleibt war alles nach Positionsnummer sortiert und der Zusammenbau dank einer Schablone schnell erledigt.

Aufgereiht in der Halle, noch geschützt und trocken sind wir gespannt wo wir die Böcke beim nächsten Besuch wiederfinden werden oder vielleicht von einem aus ein Stück Wild erlegen können.

Der Fuchs der immer kommt

Bald haben wir uns eingelebt. Die Tage rinnen nur so dahin und ich, ein Winterkind im Winterwunderland habe Geburtstag. Der 30.November, ein Tag an dem mir, seit dem ich den Jagdschein besitze, immer eines vergönnt ist – mein Geburtstagsfuchs.

Die Jagd auf den Rotrock ist für mich eine der spannendsten Arten der Jagd. Umso glücklicher war ich nun selbst in Skandinavian auf hiesige Predatoren jagen zu können. Nicht nur weil Füchse bedeutend stärker sein sollten, nein auch weil der listige Räuber auf so viele verschiedene Möglichkeiten zu bejagen ist. Mit der Falle, am Luder, mit dem Hund im Bau oder wie ich es bevorzuge, mit Instrumenten.

Die Lock und Reizjagd auf dem Altfuchs – niemals Planbar aber immer mit garantierter Spannung. Es dauerte eine Weile bis man sich zurecht fand und die ersten vermeintlichen Wechsel und Einstände ausgemacht wurden.

Erfolg mit der Klage

Dem Angstschrei des Hasen konnte kein Fuchs widerstehen. Erfolg ist immer wünschenswert, die Gedanken kreisten immer wieder um große Füchse, dass es jedoch prompt klappen würde hätte ich selbst nicht gedacht.

So war es auch an meinem Geburtstag, mein Vorteil, ich hatte Sicht auf den starken Rüden bevor ich auch nur einen einzigen Ton von mir gab. Nachdem die erste Strophe verklang schnellte der Rote in einem hohen Bogen auf mich zu. Ein Kurzer Stoppelacker, kein Knick, kein Graben, freie Sicht und Schussmöglichkeiten in alle Richtungen.

Meine Position war etwas erhöht auf einigen Felsen. Über den Zielstock nahm ich die erste Möglichkeit war und ließ die .308 Winchester fliegen. Fuchs tot.

Warten auf den Weißwedelhirsch

Im verschneiten Finnland ticken die Uhren anders. Ein wenig langsamer, wie wir meinen. Das Tageslicht schwindet rasch, oft hat die Sonne keine Chance, die dicke Wolkendecke zu durchstoßen. Da ist jeder Sonnenstrahl auf der Haut ein Lebenselixier. Was gegen die eisigen Winde hilft: Regelmäßige Saunagänge.

Die Vorfreude auf unseren jagdlichen Traum, einen Weißwedelhirsch zu erlegen, verkürzt uns die lange Wartezeit. Sind es anfangs noch geringe Hirsche, die frei gegeben werden, verbessern sich die Möglichkeiten zum Ende der Saison. Sowohl auf der Gesellschaftsjagd, als auch vom Ansitz wollen wir unsere Chance nutzen, einen reifen Weißwedelhirsch zu schießen.

Leider machen sich Hirsche, die das entsprechendes Alter haben, rar. Sie sind heimlich, kommen im letzten Mondlicht auf die freien Flächen oder halten sich die ganze Nacht im Waldschatten auf. Da gilt es, die erste Möglichkeit beim Schopf zu packen und nicht lange zu zaudern.

Es passiert Mitte Dezember, bei einem Ansitz auf der offenen Kanzel. Vor mir ist eine kleine Kirrung auf einem weitläufigen Acker mit guter Einsicht über hunderte Meter. In meinem Rücken liegt ein Bach im Winterschlaf, breit und steinhart gefroren.

Eins zu Null für den Hirsch

Meine Finger kribbeln, nicht nur wegen der klirrenden Kälte, sondern auch wegen der Anspannung. Temperaturen um die Minus 20 Grad sind nun im November keine Seltenheit mehr. Zum Ansitz habe ich Taschenöfen und meinen Schlafsack mitgenommen, in den ich mich samt Hose und Jacke hineinzwänge. Unbequem und gekrümmt hocke ich mit dem Rücken gegen einen Aufrichter gelehnt. Die Fensterausschnitte sind leider viel zu tief angebracht, um aufrecht hinaus schauen zu können.

Schnell wird es düster, fast schon pechschwarz. Erst spät steigt der Mond hinter den Bäumen empor. Das ist die Stunde, auf die ich warte. Rehwild nähert sich, vertraut der Kirrung und flieht im nächsten Moment eilends – ein Fuchs löste wohl den Fluchtinstinkt der Tiere aus. Nun bleibt es erst einmal still, Nebel zieht langsam über das Feld auf und hüllt es ein.

Jetzt ein lautes Krachen, ein Knacken, zweimal, dreimal. Irgendetwas muss direkt hinter mir im Eis des Baches eingebrochen sein. Ein Elch oder ein Stück Weißwedel? Minutenlang bleibe ich im Ungewissen, ehe ich den Hirsch Auge in Auge vor mir habe.

Meine Knie schlottern, immer wieder blicke ich durchs Fernglas und zähle die Enden. Ein Achter oder Zehner? Ich bin mir unsicher. Ich versuche möglichst geräuschlos das Funkgerät aus der Tasche zu ziehen, um Tarek zu fragen, ob ich unsere Freigabe richtig im Kopf habe.

Doch inzwischen hat der Hirsch seinen Platz verlassen. Und allein ist er auch nicht mehr. Ein weiterer Hirsch hat sich dazu gesellt. Kaum zu entscheiden, welcher nun der richtige ist. Zu allem Übel verdichtet sich nun auch noch rasend schnell der Nebel. Unmöglich, die beiden zu unterscheiden und einen Schuss abzugeben. War das meine einzige und letzte Chance? Niedergeschlagen beende ich den Ansitz.

Kurz vor knapp

Die letzte Woche unseres Finnlandaufenthaltes bricht an. In Gedanken sind wir häufig schon wieder zu Hause, Weihnachten steht vor der Tür. Ein letztes Mal gehen wir mit Anttu und Janne hinaus und beziehen zwei Drückjagdböcke im offenen Fichtenwald. Janne lässt seine beiden Teckel laufen, wir jagen in einem kleinen Waldgebiet, unmittelbar an einem See gelegen auf Weißwedel.

Üblicherweise sind in Finnland sämtliche Jagdeilnehmer per Funkgerät miteinander verbunden, um sich über das Geschehen auszutauschen. Hinweise vom Hundeführer über die Arbeit der Hunde oder Beobachtungen von Mitjägern sind oft hilfreich, sich auf mögliche Situationen vorzubereiten, die ohne Hilfestellung der Gefährten vielleicht nicht so erfolgreich ausgehen würden.

Tarek, mein bester Kumpel, bezieht einen Stand neben mir. Lediglich rund 200 Meter liegen zwischen uns. Dichter Bodenbewuchs und Hügel prägen das Gelände.

Die lautgebenden Hunde sind mal hier und mal dort zu hören, doch nicht in unserer Nähe. Dann wird es lange Zeit totenstill. Kein Hundelaut mehr, kein Funkspruch, geschweige denn ein Schuss. Ist die Jagd zu Ende? Wo sind die Gefährten? Hat man uns auf unseren Plätzen vergessen?

Endlich knarrt das Funkgerät. Eine aufgeregte Stimme meldet sich: „Whitetail in your direction! Nun ist auch ein Hund zu hören. Sein Laut wird kräftiger und energischer. Knackende Äste, Bewegungen im Wald. Das Wild ist auf dem Weg zu Tarek und mir!

Ans Ansprechen ist noch nicht zu denken, doch das Adrenalin schießt mir bereits durch alle Adern. Glücklicherweise habe ich inzwischen gelernt, wie ich mich selbst zur Ruhe und Konzentration bringen kann: Ich nehme die Waffe in die Hand, das verleiht mir Selbstvertrauen und die nötige Besonnenheit.

Die Waffe liegt quer über der Brüstung des Drückjagdbocks, eingeschneit hocke ich dahinter. Gut 80 Meter vor brechen die Zweige auseinander. Durchs Fernglas erkenne ich sofort einen Weißwedelhirsch, einen Achter. Und kurz dahinter folgt ein weiteres Stück. Auf den ersten Blick sieht es weiblich aus. Kahlwild?

Obwohl Tarek so nah bei mir sitzt, kann er doch aus seinem Blickwinkel nicht erkennen, was sich vor mir abspielt. Wie angewurzelt verharren nun die beiden Stücke hinter den Bäumen. Blatt und Haupt sind verdeckt, sicher erkennen kann ich lediglich bei beiden die Brunftrute. Also muss das zweite Stück, das ich erst für Kahlwild hielt, ein geringer Hirsch sein!

Ich konzentriere mich auf den zweiten, geringen Hirsch und gehe in den Anschlag. Mit der von Thomas geliehenen in 9,3×62 habe ich bisher noch keinen Schuss abgegeben und zuvor auch nie dieses Kaliber geschossen.

Diese Unsicherheit darf nun keine Rolle mehr spielen, ich habe keine Wahl. Vor mir tut sich etwas, der Achter zieht langsamen und vorsichtigen Schrittes voraus. Skeptisch äugt er links und rechts, er ahnt die Gefahr. Nicht ganz so argwöhnisch scheint hingegen der deutlich jüngere Hirsch zu sein. Nachdem er einen entscheidenden Schritt gemacht hat, kann ich ihn als jungen Gabler ansprechen. Irgendwie weiß ich: In der nächsten Sekunde werden beide Stücke abspringen und im hohen Tempo die Flucht ergreifen.

Und tatsächlich, schon springt der erste Hirsch ab! Mittlerweile fühle ich kaum noch, ob sich mein Finger noch beweglich neben dem Abzug befindet oder ob bereits vor Kälte erstarrt ist. Nein, meine Hand ist noch funktionsbereit! Der Schuss bricht und der zweite Hirsch geht zu Boden.

Freude und Erleichterung durchrieseln mich wie eine euphorisierende Droge. Über Funk gebe ich durch, was passiert ist. Ein Schuss, ein Treffer. Kniend auf dem gefrorenen Boden schaue ich den jungen Bock eine lange Weile an. In diesen stillen Momenten ziehen noch einmal die Erlebnisse der finnischen Wochen an meinem inneren Auge vorbei.

Ein leichter Schlag auf die Schulter, eine Umarmung und ein herzliches „Waidmannsheil“ – Jetzt ist auch Tarek zur Stelle und beglückwüscht mich. Wie traurig nur, dass nun auch die Stunde des Abschieds naht. Die stille Landschaft Finnlands wurde uns zur zweiten Heimat, seine großartigen Menschen zu Freunden. Wir kommen wieder!